Theorie X.1

Wie schon früher festgestellt, kann man über Musik von ganz verschiedenen Standpunkten aus sprechen: (1) Klangquellen, (2) Musikrezeption, (1.1) Eigenschaften von Klangquellen, (1.2) die Handhabung von Klangquellen (ein Instrument spielen, ein Programm zur Steuerung schreiben, eine Musiksoftware kontrollieren...), (2.1) die Wahrnehmungskapazitäten, (2.2) die subjektiven Empfindungen, (2.3) die neuronale und körperliche Basis von Rezeption, (2.4) die kulturellen Muster, ....

Nimmt man den 'passiven' Konsumenten, dann dürfte der entscheidende Gesichtspunkt wohl die Rezeption sein, der 'User'. Für diejenigen, die zusammen mit anderen 'Musik machen' wollen, also die 'Musiker', die 'Aktivisten', spielt neben der Rezeption natürlich auch die Produktion eine Rolle, eine Produktion, die normalerweise von der vorausgehenden Rezeption abhängig ist, also etwa die Musik M zum Zeitpunkt (t+1) ist das Ergebnis der musikalischen Verarbeitung mgen() von der Musik 'davor': M(t+1) = mgen(M(t',t)), wobei t' < t. Im allgemeinen Fall wären es n-viele solche Generierungen: M(t+1) = M_1(t+1) u ... u M_n(t+1) = mgen_1(M(t',t)) u ... u mgen_n(M(t',t)).

Ich beschränke mich hier jetzt mal auf den 'einfachen' Fall des passiven Konsumenten, den 'hörenden User'. Aber auch hier würde man normalerweise vielfältige Unterscheidungen treffen, je nachdem, in welcher Situation sich der Hörer befindet: z.B. ganz entspant, nur auf Hören ausgerichtet, auf eine 'bestimmte' Musik oder zwar Musik hörend, aber nur beiläufig neben einer anderen Tätigkeit, oder übermüdet oder durch irgendwelche Emotionen stark beschäftigt oder Musik begleitend zum Tanzen oder .... Man sieht, allein schon eine umfassende befriedigende Charakterisierung des Hörers ist schwierig. Dazu kommt, dass selbst ein scheinbar 'einfacher' Fall wie der, dass ein Hörer ausschliesslich Musik hören will, sich in unterschiedlichen Positionen befinden kann: nah an der Schallquelle, weit weg, über Kopfhörer oder andere elektronsiche Klangaufbereiter; letztere können den Klang 'rein' wiedergeben oder 'verformt' nach allen möglichen Kriterien (die meisten Kopfhörer erzeugen einen 'verformten' Klang).

Um die Beschreibung der Rezeption nicht alleine schon durch die Vielzahl unterschiedlicher Hörerzuständen zu verkomplizieren, nehmen wir hier einmal an, dass der Hörer sich in einem 'idealen' Abstand zu einer 'idealen' Klangwiedergabe befindet und dass er/sie emotional sich in einer 'Normallage' befinden.

Aus Sicht des Hörers gibt es dann zwei Grundzustände: (1) Keine Wahrnehmung oder (2) Wahrnehmung von etwas, das mit Geräuschen zu tun hat.

Lassen sich 'Geräusche' hören, dann sind diese entweder (2.1) völlig 'zufällig', bilden also eine Art von 'Rauschen', oder aber (2.2) sie enthalten wahrnehmbare Anteile von Nicht-Rauschen, d.h. es liegen Ansätze zu 'Strukturen' vor, d.h. nicht-zufälligen Ereignissen, sprich 'regelhafte' Ereignisse.

Hier zeigt sich eine erste 'Kenngrösse': wie groß muss der Anteil des Nicht-Rauschens zum Rauschen sein, damit wir dies als 'minimale Eigenschaft' für 'Musik' werten können bzw. sollten? Will man nicht willkürlich einen zufälligen Begriff von 'Musik' voraussetzen, dann wird man sagen müssen, dass alles, was als Nicht-Rauschen auftritt, potentiell 'Musik' sein kann. Je mehr zusätzliche Kriterien man hier einführen wird, um so differenzierter und damit präziser wird man den Begriff 'Musik' entwickeln können.

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