Ich, Welt, Gott - Notizen eines Zeit reisenden
Liebe

(Letzte Notizen: 23.Mai 2006)

(Gerd Döben-Henisch)


Status der Notizen: Skizze...


    1. Liebe

Aufgrund der Überladenheit des Wortes 'Liebe' mit unterschiedlichsten, oft widersprüchlichen, Bedeutungen, ist es kaum möglich, mit nur ein paar Stichworten diesen Phänomenkomplex zu umschreiben.


Eine solche unglückliche Konnotation mit dem Wort Liebe gibt es mit dem Sexualverhalten. Die Tatsache, dass im Grenzfall selbst Menschen, die sich hassen, miteinander Sex haben können, deutet an, dass Sex nichts mit Liebe zu tun haben muss. Sex kann man kaufen. Sex wird oft gegen den Willen des anderen erzwungen. Das Sexualverhalten ist biologisch hochgradig (neuronal, hormonal...) 'vorprogrammiert'. Auch ohne irgendwelche tatsächlichen 'Gefühle' der Zuneigung, der 'Wertschätzung', der 'Liebe' usf. kann das sexuelle Verhaltensprogramm in einem Menschen durch innere oder äussere Umstände 'angestossen' ('getriggert') werden, es kann zur 'Erregung' kommen, zum 'Verhaltensdruck', zur 'Abfuhr des Drucks' durch Vornahme bestimmter Handlungen, die mit 'Wollen' nichts zu tun haben müssen. Sexuell bedingter Druck ist dem bewussten Empfinden gegenüber etwas 'Fremdes', 'sich Aufdrängendes', nicht direkt willentlich steuerbar. Willentlich kann man nur versuchen, auf Bedingungen einzuwirken, die wiederum auf die 'Auslöser' des sexuellen 'Drucks' einwirken. Junge Menschen erleben diesen 'sexuellen Druck' normalerweise erheblich stärker als ältere Menschen. Es bleibt von daher eine Daueraufgabe, den 'Sexualtrieb' in das eigene Verhalten so zu integrieren, dass seine unpersönliche Natur, sein Zwangscharakter nicht dominant --und damit persönlichkeitszerstörend-- wird.


Grenzt man den Komplex Sexualverhalten zunächst aus der Bedeutung von Liebe aus (was nicht ausschliesst, dass zwei sich Liebende ihre Sexualität in ihre Liebe integrieren) ist der mögliche Bedeutungsraum immer noch sehr gross.


Viele Menschen --besonders junge Menschen-- kennen ein Gefühl, das oft mit 'Verknalltsein' umschrieben wird: quasi 'aus dem Nichts' spürt man plötzlich eine ungeheure Zuneigung zu einem bestimmten Menschen. Dieses Gefühl kann so stark sein, dass man 'wie gelähmt' ist; mann kann fast nur noch an diesen anderen Menschen denken, man sehnt sich nach seiner Nähe, man malt sich die wildestens Situationen aus, wie man diese Nähe erlangen kann, was man dann alles miteinander tun kann, usw. In dieser starken Form ist dieses Gefühl 'wie eine Krankheit'. Es kann starke psychosomatische Effekte unterschiedlichster Art hervorrufen. Die eigene Willensfreiheit ist tatsächlich eingeschränkt. Man nimmt die Welt nur noch sehr einseitig ('rosig', 'wie auf Wolken'...) wahr. So unausweichlich dieses Gefühl in einer bestimmten Phase erscheinen mag, nach einer bestimmten Zeit (Wochen, meist Monate, weniger Jahre) verschwindet es wieder, als ob es nie da war. Man 'wacht auf wie aus einem Traum', man wundert sich. Man kann garnicht glauben, dass man zu diesem einen Menschen ein so unbeschränkt total intensives Gefühl empfunden hatte. Konnte man 'das Objekt seiner Verknalltheit' tatsächlich näher kennenlernen, dann entdeckt man in der Regel, dass der 'reale Mensch' mit dem 'Bild des Verknalltseins' wenig oder garnichts zu tun hat. Es waren bestimmte Merkmale seines Erscheinungsbildes, die als 'Auslöser' für das Verknalltsein wirkten; mit seiner tatsächlichen Art haben sie oft nicht viel zu tun. Wenn man Glück hat (oder Pech?), und man erlebt dieses Verknalltsein noch einige Male auch mit anderen Menschen, wird man möglicherweise herausfinden, auf welche 'Merkmale' man in seinem Verknalltsein' 'programmiert' ist: im Verknalltsein sieht man nicht den anderen, wie er 'tatsächlich ist', sondern es gibt bestimmte äussere Merkmale am anderen, die Gefühle in einem selbst auslösen, die in der Verganenheit in ganz anderen Kontexten entstanden sind; die man 'wie in einer Vorratspackung' 'mit sich herumträgt', und die dann anlässlich einer zufälligen Begegnung 'aufplatzen' und einen 'völlig überschütten', 'blind' machen, und den eigenen Willen und die eigene 'objektive Wahrnehmungsfähigkeit' stark einschränken. Beziehungen, die aus solchem Verknalltsein entstehen, sind ein Zufallsspiel; ob man wirklich zueinander passt, muss sich 'danach' zeigen, dann, wenn das Verknalltsein wieder verschwunden ist und 'der tatsächliche Mensch' sichtbar wird. Obwohl man Verknalltsein weder kaufen noch erzwingen kann, sollte man aufgrund der Randbedingungen des 'Verknalltseins' diesen Zustand eher auch nicht als Liebe bezeichnen. Er weist zuviele Momente der Unfreiwilligkeit, des eingeschränkten Bewusstseins auf, als dass dies ein nachhaltiges, tiefes, positives unf zugleich 'realistisches' Gefühl ermöglichen könnte.


Was aber ist dann Liebe? Kann es jenseits von 'verzehrenden Leidenschaften' tiefe und starke Gefühle geben, die nicht zerstören, die nicht blind machen, und die doch 'tragen', 'beleben', 'mitreissen'?


Die kürzeste Antwort heisst: Ja. Natürlich kann es sie geben. Im Rahmen des Abschnitts über Empfindungen/ Gefühle wäre die ganze Bandbreite möglicher Gefühle noch genauer auszuarbeiten. Man kann die Gefühle dann 'strukturieren' nach bestimmten Eigenschaften, anhand deren sie sich unterscheiden. Offensichtlich scheint es eine Gruppe von Gefühlen zu geben, die eine schier 'bodenlose' Tiefe und Intensivität aufweisen können ohne (!) die Freiheit des Wollens und die Klarheit des Erkennens einzuschränken. Nicht nur das, diese Gefühle scheinen die Freiheit des Wollens und die Klarheit des Erkennens noch zu verstärken! Eigentlich ein Paradox, da Intensität von Gefühlen normalerweise damit einhergeht, dass dadurch andere Gefühle und Tätigkeiten 'gedämpft', wenn nicht gar deutlich 'eingeschränkt' werden (z.B. kann tiefe Trauer, starker Ärger oder gar Hass (ähnlich wie das Verknalltsein) die innere Handlungsfähigkeit dramatisch beschränken).


Allerdings werden hiermit Zusammenhänge berührt, die erst nach Durchlaufen des ganzen Zyklus in vollem Umfang verstehbar sind. Gefühle muss man in Kontexten betrachten. Manche Gefühle zeigen ihren 'wahren' Charakter erst im 'Gesamtkontext'. Dieser aber muss langam, Schritt für Schritt, dargelegt werden. Von daher sind manche Gefühle, selbst wenn amn sie als junger Mensch haben kann, in bestimmten Aspkten erst nach vielen Jahren 'verstehbar'. Das Wort 'Weisheit' ist heute etwas aus der Mode gekommen; aber es gibt Erfahrungszusammenhänge, die kann man nicht mit 10 oder 20 Jahren haben, auch nicht mit 30, auch nicht mit 40.....'Weisheit' ist eine 'nach oben offene' Skala.

Vielleicht ein paar Stichworte: die Liebe, um die es hier geht, ist innerlich zutiefst 'frei', 'gelöst', sie schuldet niemandem etwas. Sie ist in sich 'glücklich'. In der tiefen Liebe des Lebens ist der Mensch kein 'Getriebener', hängt er nicht ab von 'äusseren Sachen', 'Äusserlichkeiten', 'Pseudoerfolgen'..... In der tiefen Liebe des Lebens erkennt der Mensch die Dinge 'von innen'. Er weiss um sein 'Geschenktsein in das Leben hinein', er weiss um seine 'Zerbrechlichkeit', sprich 'Endlichkeit'; er weiss, dass es im nächsten Moment alles ganz anders sein kann, aber er hat keine Angst, sondern lebt in tiefer Dankbarkeit für den Moment, der eigentlich kein Moment ist, da er nie enden muss.....nach dem Loslassen kann man nichts mehr verlieren, nur noch gewinnen... erfüllt von dieser tiefen Liebe des Lebens gewinnen alle Dinge einen neuen Glanz, erstrahlt alles in einem wunderbaren Licht. Der Moment im Gegenüber zu etwas 'scheinbar Wertlosem' kann in der tiefen Liebe zu einem intensiven grossen Moment werden; diese Liebe lebt aus sich, nicht aus dem verängstigten Egoismus des einzelnen, sondern aus dem 'Gesamtzusammenhang' des Lebens, dessen Schönheit, Tiefe, Komplexität jederzeit alles übertrifft, was wir uns vorstellen oder tun können. Die permanente Gehirnwäsche des modernen Alltags ist wenig geeignet, diese Dinge erkennen zu lassen......