Danksagung für die Anteilnahme am Tod unserer Mutter
Hildegard Döben
4.4.1924 – 03.11.2003, 02:30hAls ich am 3.November spontan die paar Zeilen zum Tod meiner Mutter an die verschickt habe, die am direktesten davon betroffen waren –z.T. ganz praktisch, habe ich weder geahnt noch erwartet, dass dies solch ein wunderbares Echo auslösen würde.
Inmitten der eigenen Betroffenheit und Trauer trafen immer wieder sehr, sehr liebe spontane Reaktionen von allen Seiten wie kleine Lichtblitze ein, die konkret zeigen, dass man nicht alleine ist, dass uns unter der Oberfläche der täglichen Ereignisse viel Gemeinsames verbindet. Abstrakt weiss man natürlich, dass auch andere schon Leid und Tod erfahren haben; aber wenn es dann spontan, direkt berichtet wird, der Widerhall des eigenen Erlebens im Erleben der anderen, dann ist dies ein starkes persönliches Signal, eine Verbundenheit, die viel persönliche Kraft gibt, realer Trost!
Zwischendurch musste ich an die Hochschule; auch dort gab es fast von allen Studenten eine spontane Reaktion der Anteilnahme, die man sonst so nicht kennt. Warum auch nicht? Wollen wir nur Städte aus Stahl und Beton bauen mit seelenlosen Robotern oder wollen wir als Menschen aus Fleisch und Blut darin vorkommen, mit Herz und Gefühl? All diese wunderbaren Reaktionen hatten mich ermutigt, für den Tage der Beerdigung am 7.Nov. etwas Neues zu wagen: eine sehr persönliche Verabschiedungsfeier im Anschluss an den Gottesdienst. Eine Feier, in der die Gestalt der Verstorbenen noch einmal zum Vorschein kommt, wo ihre Musik zu hören sein sollte, wo die real Betroffenen Worte des Abschieds sprechen, wo Gefühle gezeigt werden sollten, eben nicht nur das bekannte Ritual, hinter dem alles Persönliche verblasst, wo die Gefühle sich nur an sich selbst abarbeiten.
Je mehr der Tag der Beerdigung näher kam, je mehr sich persönliche Zeugnisse von FreundenInnen häuften, umso mehr wuchs dieser Wunsch, sowohl der Trauer wie der Freude ihren entsprechenden Ausdruck zu verleihen. Am Abend des 6.Nov hatte ich ... die Musik zum Ereignis auf Tonträger; in der Nacht und am Morgen habe ich vor mich hin getextet. Dazwischen flossen natürlich immer wieder --wie all die vorausgehenden Tage-- reichlich Tränen, quasi unvermeidbar. ....
Auf der Fahrt nach Hadamar (bei Limburg) erfuhr ich über das Handy, dass Pfarrer Senghuo (aus Tanzania), mit dem wir uns einen ganzen Abend wegen des Requiems unterhalten hatten, an diesem Morgen überraschend ins Krankenhaus eingeliefert worden ist.... Der 'Ersatzpfarrer' war bei den Kranken der Gemeinde unterwegs und 'wusste von nichts'; aber er liess wissen, dass er bereit wäre, die Beerdigung wie geplant zu leiten. Glücklicherweise lag ihm eine Predigt vor, die Pfarrer Senghuo noch hatte vorbereiten können. Der Gottesdienst verlief wie gewohnt, schlicht, Zeit zum 'Einfühlen'. Die Gegenwart lieber Freunde gab allem eine besondere Note. Für mich, der ich jahrelang selber Messen gelesen habe, 'mit dem Herzen', jetzt aber aus der Kirche ausgetreten bin, quasi nur als 'Gast in einer vertrauten Umgebung', ist jede solche Messe immer eine Gratwanderung der Gefühle.
Die Gegenwart vieler lieber Menschen (Ehefrau, Vater, Schwester, Schwager, ...), die alle getroffen und bewegt sind vom dem Tod eines geliebten Menschen, verschafft eine Intensität, die einfach da ist. Sie durchdringt alle Worte, alle Lieder, alle Gebete. Der Weg zum Friedhof auf dem Herzenberg führte durch einen wunderschönen Sonnentag mit den glühenden Farben des Herbstes. Die Friedhofshalle war voll von Menschen und Blumen, wunderschönen Blumen. Nachdem Pfarrer Lippert die Einleitungsgebete gesprochen hatte, begann tatsächlich unser ganz persönlicher Abschied von unserer Mutter ...
Die ausgewählte Musik drang tief in uns ein und liess unsere Tränen wie erwartet fliessen; die Texte konnten nur mühsam vorgetragen werden, aber wir trugen sie vor; es war unser bewusster Beitrag, Lebewohl zu sagen und allen, die wir kennen, Gelegenheit zu geben, sich an unserem Abschied zu beteiligen. Was haben wir denn schon anderes als nur unsere Gefühle? Also geben wir sie frei und teilen sie. Wie ich beim anschliessenden Kaffee und auch abends im Kreise der Freunde und Verwandte immer wieder hörte, waren alle froh um diese Form des Abschiedes; allen, die dabei waren, hat es einfach gutgetan. Dieser Abschied ist natürlich kein Ende. Es ist eher ein Anfang von etwas mehr Fähigkeit, die Welt 'von innen zu spüren', die Kraft des Lebens und der Liebe, die in uns allen steckt, die vermehrte Einsicht in unsere Verwundbarkeit, unsere Anfälligkeit für Krankheit und Sterben, unsere Schwächen im Umgang mit Problemen, aber auch den Funken Hoffnung, dass dies alles nicht so sein muss. Der 7.November wurde so auf seine Art zu einem 'Gesamtkunstwerk der Liebe', getragen von vielen kleinen Gesten, Worten und Taten. Möge er ins uns allen fortwirken als ein verstärkter Lichtblitz für dunkle Stunden.
In grosser Dankbarkeit für alle die erwiesenen Anteilnahmen,Euer Gerd Döben-Henisch
Gerd Döben-Henisch | Privater Bereich